Boston Marathon 2019

Der Klassiker in seiner 123. Auflage – der traditionsreichste Marathon der Welt,und fĂŒr mich der vorletzte der 6-Star – Serie 🙂

Das Abenteuer Boston beginnt schon lange vor dem Marathon, Stichwort Qualifikation. War fĂŒr mich in meiner Altersklasse nicht erreichbar (obwohl: fĂŒr 2020 habe ich sie – aufgrund des AK-Sprunges) – also blieb nur die Option (Thank Heavens) einer organisierten Laufreise mit einem garantierten Startplatz. Und das kostet ordentlich Geld. Aber egal, andere geben das fĂŒr eine VIP-Karte eines Fußballmatches oder eines angesagten Konzertes aus. Also Anmeldung im letzten Sommer, verbunden mit einer selbstorganisierten VerlĂ€ngerungswoche in New England, gemeinsam mit Erika als Schlachtenbummlerin 🙂 .

Die Wettervorhersage verheißt nichts Gutes – der einzige definitive Regentag ist in diesem Zeitraum der Marathontag (Patriots’ Day – der dritte Montag im April, ein Feiertag in Massachusetts). Der Veranstalter warnt in seinem Teilnehmer-Newsletter sogar vor Ă€hnlichen VerhĂ€ltnissen wie 2018 (starker Regen, Wind und Temperaturen knapp ĂŒber 0°). Im GepĂ€ck also Laufzeugs fĂŒr alle WetterverhĂ€ltnisse 🙁 .

Anreise ohne Probleme, Unterbringung im Sheraton in der NÀhe des ZielgelÀndes, die Marathonmesse mit Startnummernausgabe im Conventional Center mit Eingang direkt im Hotel.

Boston ist im Marathonfieber – Blumenschmuck, Plakate, “Runners Welcome” ĂŒberall, sportliche Typen beim Sightseeing, in den GeschĂ€ften und Lokalen. Generell ist die Veranstaltung perfekt organisiert. Kein GedrĂ€nge trotz umfassenden Sicherheitskontrollen auch aufgrund der amerikanischen Disziplin. Auf der Messe werden die Startnummern in 600er-Blöcken ausgegeben – ohne große Wartezeiten.

Am Marathontag Treffpunkt um 7:45 in der Hotellobby und gemeinsamer Regen-Spaziergang zum Start.Shuttle-Bereich. Meine Gewandentscheidung (aufgrund der erwarteten Temperaturen und der Empfehlung unseres sportlichen Begleitteams, trotz Regenvorhersage): kurz/kurz 😉 . Über dem Laufdress eine dickere Jacke (bleibt als Spende im Startbereich) und Regenschutz. FĂŒr den Transport zum Start stehen ausreichend Schulbusse zur VerfĂŒgung. Der Bereich ist großrĂ€umig abgesperrt – bei den Sicherheitskontrollen werden nur LĂ€ufer durchgelassen. Die Busfahrt sehr angenehm mit netten GesprĂ€chen mit MitlĂ€ufern (danke, Dagmar, dass du meine Sitznachbarin warst 🙂 ).

Knapp vor dem Startort Hopkinton hört es auf zu regnen.

Die Sammelstelle vor dem eigentlichen Start – das ĂŒbliche: unzĂ€hlige Dixies, große Aufenthaltszelte, Wasser, Gatorade und Gels. Der Boden matschig (es hat doch viel geregnet). Der Start erfolgt in vier Wellen, unterteilt in Corrals. Ohne Qualifikationszeit bist du automatisch in Welle 4, bei mir im Corral 6 von 8. Die Zuordnung zu den Startblöcken erfolgt schon in der Sammelstelle am Beginn des Weges zum Start (ca. 0,75 Meilen Spaziergang). Aufgrund der Wettersituation wurde auf 25′-Intervall zwischen den Wellen 3 und 4 verzichtet, wir starten also unmittelbar nach Welle 3. Premiere fĂŒr mich: fliegender Start bei einem Marathon. Wir spazieren zum Start, plötzlich beginnt die Menge zu laufen und wir ĂŒberqueren die Startlinie um ca. 11:08.

Meine Erwartungen: Der Start liegt doch viel höher als das Ziel, also mĂŒsste ich durch den hohen Downhillanteil schneller sein als ĂŒblich. Das ist ein Irrtum. Es geht laufend auf und ab, die Steigungen können durch die Bergabstrecken nicht kompensiert werden. HĂ€tte ich wissen mĂŒssen – sonst gĂ€be es regelmĂ€ĂŸig (nicht anerkannte) Rekorde in Boston. Andererseits erwarte ich mir keine berauschende Platzierung, da aufgrund der Qualifikation der Großteil der Athleten doch ein höheres Niveau haben wird als bei anderen Groß-Marathons – und damit sollte ich Recht behalten.

Der Lauf selbst ist geprĂ€gt durch eine Stimmung, die ich so noch nicht erlebt habe. In jedem Dorf – und davon gibt es viele – war die Strecke gesĂ€umt von Zuschauermassen, die sich die Seele aus dem Leib schrieen – Zieleinlaufstimmung auf der gesamten Strecke 🙂 .Eine Steigerung dazu waren jedoch einzelne Hot-Spots, wie der ‘Wellesley College Stream Tunnel’ – hunderte jubelnde junge MĂ€dels mit ‘Give me a kiss’-Plakaten, eine hĂŒbscher als die andere. Nur, wer bleibt stehen und welche Dame kĂŒsst man? Die Versuchung ist aber schon sehr groß 😉 . Also bleibt es beim Abklatschen 🙂 . Übrigens habe ich noch nie unterwegs so viele HĂ€nde (nicht nur von Kindern) abgeklatscht.

Dann der ‘Heartbreak-Hill’ – 5 Meilen vor dem Ziel die SchlĂŒsselstelle mit dem stĂ€rksten Anstieg. Man fĂŒhlt sich, angepeitscht durch jubelnde Zuschauermassen,  wie ein Radrennfahrer der Tour de France bei einer Bergwertung. Ich laufe durch (andere spazieren gemĂŒtlich) und halte Ausschau nach unserer Fan-Gruppe. Endlich, schon nach dem ‘Gipfel’, die rot-weiß-roten Fahnen. Erika freut sich, ich freue mich und hole mir Energie bei einer innigen Umarmung und einem intensiven Kuss.

Ich spĂŒre die Hitze, die Luftfeuchtigkeit und die doch unterschĂ€tzte HĂ€rte des Laufes (ja, kein Regen bisher, großteils sogar Sonnenschein). Den Downhill nach Boston gehe ich gemĂŒtlich an. Dann Regen wĂ€hrend der letzten 3 Meilen – angenehm kĂŒhl.

Zieleinlauf, bejubelt von unzĂ€hligen Zuschauern – ich fĂŒhle mich wie ein Sieger 🙂 🙂 .

Aber dann: das nasse Shirt, der eisige Wind, Regen – auch die Alufolie wĂ€rmt nur rudimentĂ€r. Erika ist nicht am Treffpunkt (ich war schneller als die Straßenbahn) – ich kann nicht warten, bibbere vor KĂ€lte und gehe ins Hotel. Dort wartet ein heißes Bad – Erika kommt nach und beglĂŒckt mich mit einem erfrischenden Marathon-Bier 🙂 .

 


15.4.2019

Distanz: 42,2 km
Zeit: 4:24:46

gesamt: 20762 von 27355
MĂ€nner
: 11988 von 15009
AK: 749 von 1117